Ein Tag in der Montessorischule

„… und ich dachte, die ganze Schule macht einen Ausflug“

Dies bekam ich öfter zu hören, wenn eine Mutter überraschend in die Schule kam, um einem Kind etwas zu bringen oder um einen Elterndienst wahrzunehmen. Selbst erfahrene Montessori-Eltern waren erstaunt, wenn sie durch die Flure gingen und sie kaum einen Mucks hörten, obwohl alle Kinder im Unterricht waren und die Klassenzimmertüren offen standen.

Bei Hospitationen von Eltern sagte man mir, dass es faszinierend gewesen sei, wie konzentriert die Kinder über ihren Arbeiten gesessen hätten. Und genauso fielen die Kinder auf, die durch das Klassenzimmer wanderten und nicht so recht in die Arbeit fanden.

Kann denn das funktionieren? 25 Kinder arbeiten an verschiedenen Themen und die Lehrperson steht fast nur als zurückhaltende Begleitung zur Verfügung?

Es kann.


So oder ähnlich könnte ein Vormittag in einer Montessori-Schule aussehen (und ich kann „nur“ aus meinen eigenen Erfahrungen schöpfen, die ich an der Montessori-Schule in Erlangen erlebt habe):

Bevor der offizielle Schultag um 8 Uhr beginnt, ist die Lehrperson im Klassenzimmer und wartet darauf, dass die Kinder von den Hausaufgaben berichten oder diese zeigen. In einen Plan trägt jedes Kind ein, was es zu Hause bearbeitet hat. Auf der anderen Seite dieses DIN A-4-Blattes wird dann im Anschluss an das Zeigen der Hausaufgabe eingetragen, was sich das Kind als erstes für die Freiarbeit vornimmt. Danach gehen die Kinder an ihre Arbeit; dies kann alleine erfolgen (Materialarbeit), zu zweit (manches Material kann gut zu zweit bearbeitet werden oder ein Kind erklärt einem anderen Kind ein neues Material) oder auch in Kleingruppen.
Hier einige Beispiele:


- ein Kind legt im Klassenzimmer am Boden eine Kubikkette aus
- ein anderes Kind legt über die einzelnen Wörter eines Märchens die richtigen Wortartensymbole
- eine anderes Kind übt das Abschreiben mit Hilfe der Methode „Laufdiktat“
- ein anderes Kind macht die Steckkarte zu Europa
- ein anderes Kind arbeitet mit dem Bauernhof und legt entsprechend der Tiere mit Hilfe des beweglichen Alphabets die Tiernamen dazu
- ein anderes Kind bearbeitet die große Division mit Hilfe eines Aufgabenheftes


- zwei Kinder verstecken im Klassenzimmer bunte Perlenstangen, die anschließend gefunden und dem richtigen Ziffernbild zugeordnet werden sollen
- zwei Kinder sitzen auf dem Flur und diktieren sich gegenseitig Lernwörter für die Wörterklinik oder ein Diktat
- drei Kinder messen mit einem Maßband verschiedene Gegenstände im Klassenzimmer und tragen die ermittelten Werte in ihr Heft ein


Die Liste könnte fast endlos fortgesetzt werden, da durch die vorbereitete Umgebung in einem Montessori-Klassenraum jedes Kind an einer anderen Aufgabe arbeiten könnte. Die freie Wahl des Lerntortes (im Klassenzimmer am Tisch oder am Boden, draußen auf dem Flur) kommt dem Bedürfnis der Kinder (vor allem der kleinen Kinder, die noch vor kurzem im Kindergarten waren) entgegen, sich mal zu strecken und zu räkeln. Und dies findet alles zur gleichen Zeit statt, ohne das es sehr laut wird. Denn die Kinder lernen durch anfänglich häufigeres Besprechen der Freiarbeitsregeln, dass sinnvolles Arbeiten in dieser Form nur möglich ist, wenn man sich an grundlegende Regeln hält.


Sind dann alle Kinder eingetrudelt findet der Morgenkreis statt. Das ist die Zeit für gemeinsames Singen oder Spielen, Besprechung des Tagesplans und andere Besonderheiten. Manchmal bringen Kinder etwas von zu Hause mit und haben nun die Gelegenheit es zu zeigen. Im Anschluss daran gehen die Kinder wieder an ihre Arbeit (siehe Liste oben). Dieser „Block“ dauert im besten Fall drei Schulstunden und wird nicht von einem Schulgong unterbrochen.

Kurz bevor gemeinsam gefrühstückt wird, haben die Kinder die Möglichkeit ihre Arbeiten in den Freiarbeitsplan einzutragen. Nach dem Frühstück geht es dann in die Pause nach draußen.

Nach der großen Pause (mindestens eine halbe Stunde) können sich folgende Phasen anschließen (der zweite Block umfasst nur zwei Schulstunden):

- Geburtstagsfeier (dauert je nach Kind eine halbe bis ganze Stunde)
- Stilleübungen
- Materialeinführung für alle
- Referate (ich konnte an Referaten von Erstklässlern teilnehmen, die z. B. über Töpfern oder das eigene Haustier handelten)
- Besteht die Möglichkeit, phasenweise nach Jahrgängen zu trennen, dann kann in der Zeit gut Lektürearbeit erfolgen
- Projektorientiertes Arbeiten erfolgt in sogenannten Angeboten, die die Kinder nach Neigungen für einen längeren Zeitraum (ca. 6 Wochen) auswählen
- Musische Fächer (Kunst, Musik)
- Sport


Auch an einer Montessori-Schule gibt es Kinder, die nicht so leicht mit den doch sehr strengen Freiarbeitsregeln zurecht kommen. Mit diesen Kindern wird dann konkret gearbeitet und das Problem direkt besprochen. Dies ist ein Prozess und niemand soll denken, dass es an einer Montessori-Schule nicht auch einmal laut wird. Da jedoch das Lernen während der Freiarbeit der zentrale Punkt im Lernalltag der Kinder ist, wird je nach Bedarf viel Zeit darauf verwendet, die Regeln zu besprechen und auszutauschen. Dies nimmt zu Beginn eines Schuljahres natürlich mehr Zeit in Anspruch als am Ende des Schuljahres.

Mit Hilfe der Montessori-Pädagogik kann die sogenannte „Freie Arbeit“ gut und sinnvoll umgesetzt werden, denn durch das umfangreiche Materialangebot in der vorbereiteten Umgebung ist ein großer Fundus an Arbeitsangeboten vorhanden, aus dem man in der täglichen Arbeit mit den Kindern schöpfen kann.


Anja Brinkmann-Koch; Montessoripädagogin, z. Zt. in Elternzeit



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